EILTagesaktuelle Berichterstattung · Donnerstag, 18. Juni 2026
Lebenvor 4 Tagen

Neue Wege zum Abitur für Erwachsene in Thüringen

Thüringen schließt das Kolleg für Erwachsene und setzt stattdessen auf alternative Lösungen. Ein notwendiger Schritt oder der Verlust einer Chance?

Von Tobias Richter14. Juni 2026, 04:383 Min Lesezeit

Es ist ein kühler Morgen in Erfurt, und während der Nebel sich langsam verzieht, wird mir bewusst, dass die Welt um mich herum kontinuierlich im Wandel begriffen ist. Menschen hasten zur Arbeit, Schüler machen sich auf den Weg zur Schule, und irgendwo in dieser urbanen Routine wird über eine der letzten Bastionen der Erwachsenenbildung in Thüringen entschieden: Die Schließung des Kollegs. Ein Ort, an dem Erwachsene die Möglichkeit hatten, ihr Abitur nachzuholen, wird bald der Vergangenheit angehören. Man fragt sich, ob dies ein notwendiger Schritt zur Modernisierung ist oder ob wir dabei eine wertvolle Chance aufgeben.

Das Kolleg, lange Zeit ein Rückzugsort für viele, die sich später im Leben für eine akademische Laufbahn entschieden haben, hatte seinen Platz in der Bildungslandschaft Thüringens. Es bot nicht nur eine Möglichkeit, das Abitur nachzuholen, sondern auch ein Gefühl der Gemeinschaft, des Austauschs. Hier lernten nicht nur ältere Schüler, sondern auch solche, die vielleicht aus welchen Gründen auch immer aus der Schule gedrängt worden waren. Der Verlust dieser Institution hat bei vielen Menschen eine gewisse Melancholie hinterlassen; Erinnerungen an verpasste Gelegenheiten oder an die eigenen Unsicherheiten in einer Bildungslandschaft, die zunehmend auf Speed und Effizienz ausgelegt ist.

Aber warum schießt der Freistaat so entschlossen ins Schwarze? Die Antwort ist einfach und doch kompliziert. Es wird angeführt, dass alternative Bildungskonzepte, wie etwa Online-Lernplattformen und modulare Kurse, einfach zeitgemäßer seien. Es wird argumentiert, dass die Flexibilität, die diese neuen Methoden bieten, den Anforderungen einer modernen Gesellschaft viel besser gerecht wird. Nach eingehender Überlegung könnte ich dem zustimmen. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der die Technologie unser Leben in nahezu jedem Aspekt beeinflusst. Jeder von uns hat die Möglichkeit, aus einer schier unendlichen Flut von Informationen und Ressourcen zu schöpfen. Aber ist das genug?

Das Online-Lernen, so wird oft gesagt, bietet den entscheidenden Vorteil der Anpassungsfähigkeit. Lernende können in ihrem eigenen Tempo arbeiten, und der Zugang zu Materialien ist oft nur einen Klick entfernt. Aber in der Realität? Mir schleicht sich das Bild eines einsamen Schülers ein, der zwischen Zoom-Calls und Online-Tests jongliert, während er gleichzeitig versucht, seinen Alltag zu bewältigen, vielleicht Kinder zu betreuen oder einen Job zu halten. Die Abgeschiedenheit, die durch das digitale Lernen entstehen kann, ist ein großes Thema, das oft in der Begeisterung für die neue Technologie untergeht.

Die Schließung des Kollegs könnte als pragmatischer Schritt angesehen werden, als Teil eines größeren Plans, die Bildung auch in Thüringen zu optimieren. Doch in der Diskussion um die Vorzüge dieser neuen Ansätze fehlt oft das Sentiment des Alten, die Erinnerungen an das, was einst war. Bildung ist nicht nur eine Frage des Wissens, sondern auch eine Frage des Austausches, der persönlichen Interaktion und der zwischenmenschlichen Beziehungen, die in einer Klassenzimmerumgebung gedeihen. Manchmal fühlt es sich so an, als ob wir in unserem Eifer, das Alte abzulehnen, das Menschliche aus dem Lernen entfernen.

Der Abiturabschluss ist für viele das Tor zur akademischen Welt, doch ich frage mich, ob wir es uns wirklich leisten können, die Brücke zwischen den Generationen zu kappen, die das Kolleg über all die Jahre geboten hat. Der Schritt, das Kolleg aufzuschließen, könnte unbedacht erscheinen, besonders für diejenigen, die aus den unterschiedlichsten Gründen den Weg zurück zur Schule einschlagen möchten. Wenn wir nur noch auf digitale Lösungen setzen, vergessen wir dabei vielleicht die vielen, die sich mit solch einem Schritt schwertun oder gar überfordert fühlen. Der Verlust eines physischen Ortes, an dem Lernen nicht nur gefördert, sondern auch gelebt wurde, könnte nachhaltigere Folgen haben, als es auf den ersten Blick scheint.

Will Thüringen also wirklich auf eine neue Lösung setzen oder ist dies einfach die Abkehr von einer Tradition, die vielen über Jahrzehnte hinweg geholfen hat? Die Schließung des Kollegs mag eine Entscheidung des Augenblicks sein, aber die Bedeutung dieser Entscheidung wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Es ist ein faszinierendes Hin und Her zwischen der Nostalgie für das Vergangene und dem Versprechen der Zukunft. Daran halte ich fest, während der Nebel über den Straßen von Erfurt verweht und die Menschen ihren Weg weitergehen.

NetzwerkVerwandte Beiträge

Mehr aus dieser Rubrik

Lebenvor 4 Tagen

Solar-Powerbanks beim Discounter: Grenzen und Einsatzmöglichkeiten

Solar-Powerbanks sind zunehmend in Discountern erhältlich und bieten eine kostengünstige Lösung für Camping und Outdoor-Aktivitäten. Doch wann stoßen sie an ihre Grenzen?

Lebenvor 5 Tagen

Der letzte Öffnungstag: Ein Lidl-Markt schließt seine Türen

Am Samstag schließt ein Lidl-Markt endgültig seine Türen. Die Gründe und die Auswirkungen auf die Gemeinde bleiben unklar. Was bedeutet das für die Verbraucher?

Lebenvor 13 Std

Mark Forster über seine Familie: Ein Blick hinter die Kulissen

Mark Forster teilt seltene Einblicke in sein Familienleben und spricht über die Bedeutung seiner kleinen Familie. Ein persönliches Portrait eines Künstlers jenseits des Rampenlichts.